Ein west-östliches Heiratsritual Teil I

„Frau Tschw… Schwi… ähm … ähm, heiraten Sie doch, am besten einen Deutschen, damit wir Ihren Namen endlich aussprechen können. Das ist ja ein Wahnsinn!“ – bekniete mich einmal mein deutscher Hausarzt.
Na, na, na, nur kein Wahnsinn! Es ist oder war mein schöner polnischer Nachname! Und warum sollte ich ihm diesen Gefallen tun und einen Deutschen heiraten? Das wollte ich nie! Einen Helmut?! Die würden dann nur über mich lachen – in Polen. Nein! Nein. – Doch?
Doch, so geschah es. Ich habe geheiratet, obendrein noch einen Thiele. Ohne von und ohne zu. Thie-le: schlappe zwei Silben! Mein Mädchenname bestand, wie es sich für jede Blaublütige gehört, aus zwei Teilen, mit einem eleganten Bindestrich verbunden – und insgesamt aus fünf Silben! – Nicht zwei! Immer wenn ich nach dem Namenswechsel irgendwo aufgerufen wurde, reagierte ich mit einem gewissen Zögern. Ich war mir nicht sicher, ob die wirklich mich meinten. Sicherheitshalber wartete ich noch auf einen Nachschlag, ein Silbchen, mochte es auch noch so kurz sein – aber es kam nichts. Es waren nur die zwei fremden Silben! Zuerst dachte ich daran, dem neuen deutschen Namen noch meinen Mädchennamen mit einem diskreten von dranzuhängen. Ich hatte mich sogar vorher vergewissert, dass alle Buchstaben in jedes Formular oder Vordruck mit Buchstabenfeldern exakt gepasst hätten. Mein Liebster aber klopfte sich bedeutungsschwer auf die Stirn und schlug vor, dies so schnell wie möglich zu vergessen. Er mochte sicherlich recht haben, aber ich konnte meinen Namen, mit dem ich groß geworden war, nicht ohne inneren Kampf aufgeben. Es hatte zwei Jahre gedauert, bis ich seinen Namen als meinen endlich akzeptierte.
Ich habe also einen Deutschen geheiratet. Als meine Bekannten in Polen davon erfahren hatten, hieß es dann: Na, und du hast doch einen Helmut geheiratet! – Deutsche Männer heißen in Polen übrigens einfach alle Helmut. Der Inbegriff eines deutschen Mannes. Für Frauen gilt entsprechend Helga – auch nicht gerade der Renner bei der Namenswahl für ein Mädchen heutzutage in Deutschland. Nun erklärte ich immer wieder geduldig, dass er nicht so hieß. Egal, alle wussten es besser. Und dann kam noch: – Du hast einen Helmut geheiratet und diese Wanda damals hatte das nicht getan. Das stimmte. Das stimmte sogar zweifach. Wenn sie nämlich geheiratet hätte, hätte sie mit einem Rüdiger zusammen gelebt, und nicht mit einem Helmut, bis dass der Tod sie geschieden hätte, mit oder ohne menschliches Zutun. Einen anderen Scheidungsgrund kannte man ja damals nicht. Vor 700 Jahren. Das heißt, man hätte sie noch freikaufen können, da hätte aber die Ehre darunter gelitten, und die war und ist ein wichtiges Gut. Manchmal sogar das Einzige, das einem am Ende bleibt, wenn alles andere versagt.
Welche Wanda, werden Sie jetzt fragen. Das ist ganz einfach zu erzählen. Es heißt nämlich, dass es vor 700 Jahren eine Wanda in Krakau gegeben hatte, als Krakau noch Hauptstadt von Polen war. Sie wollte einen Deutschen nicht zum Ehemann nehmen und sprang lieber in die Weichsel – das ist ein Fluss in Polen, der polnische Rhein sozusagen – und lieber ertrank, als sich mit diesem Mann verheiraten zu lassen. Verwechseln Sie sie jetzt bitte nicht mit dem Fisch namens Wanda, denn dieser konnte ja schwimmen und unsere Wanda nicht – das war ja die Tragödie. Rüdiger rächte sich dann an Polen mit einem blutigen Kriegszug. So will es die Legende.
Aber andererseits – das waren noch Frauen, damals! Voller Stolz, Mut und Unnachgiebigkeit. Jetzt ist alles anders geworden. Jetzt heiraten sie einen Helmut, bekochen ihn, schaffen ihm ein richtiges Heim und zeugen sogar Kinder mit ihm – das ist ja schier unglaublich! Man erzählt, dass manche sogar mit einem glücklich sind. Aber vielleicht ist das nur ein Gerücht? Man(n) weiß es nicht. Deutsche, obwohl sie auch teilweise sehr traditionell sind, nehmen diese Sache etwas nüchterner. Sie sagen einfach, ein Ehemann ist lediglich ein Lebensabschnittsgefährte. Und dasselbe gilt natürlich für eine Frau. Vielleicht haben sie einfach ihre Erfahrungen gemacht und sind desillusioniert. Vielleicht liegt es an der Erziehung. Einige leben mit ihren potentiellen Partnern zuerst probeweise. Manchmal fünfzehn Jahre lang. Man kann ja nie wissen … Da es genug Wohnungen gibt, verlassen sie relativ früh das Haus ihrer Eltern und ziehen zusammen, um Bett und Tisch zu teilen.
Doch ein Zusammenleben eines Deutschen mit einer Ausländerin auf Probe ging damals – vor fünfzehn Jahren – aus aufenthaltrechtlichen Gründen nicht. Entsprechend dem Prinzip Entweder-oder musste man sich direkt und endgültig entscheiden, also gegen oder für eine Eheschließung, denn Leben auf Probe war kein ausreichender Grund für die Ausstellung der Aufenthaltsgenehmigung durch die Ausländerbehörde, o nein. Und diese Aufenthaltsgenehmigung war ja notwendig, um überhaupt zusammenleben zu können. Also ein Teufelskreis erster Güte. Mal abgesehen von dem Wunschdenken, das man mit einer Probezeit dieser Art verknüpft. Denn man weiß ja nicht, was daraus wird, man weiß nur, dass es eben manchmal klappt und manchmal nicht. Aber das Letztere passiert eher den anderen, uns doch nicht. Wir kriegen das schon hin. Na klar!
Eine Heirat nach einer Probezeit garantiert auch nicht, dass die Ehe später funktioniert. Ich habe sowieso das Gefühl, dass sich nach der Heirat alles ändert, egal wie lange man vorher zusammenlebte und wie gut man sich kannte. Irgendetwas ist anders, auch wenn es gleich aussieht und sich gleich anfühlt. Die Eheschließung ist wie eine Schwelle zu einem dunklen Raum, den wir nicht kennen, und das blasse Lichtlein irgendwo weit weg in einer Ecke kann man nur gemeinsam erreichen und hüten. Oder es ist wie eine Schwelle zu einer Bank: vor dem Vertragsabschluss verspricht man uns hohe Zinsen, alles scheint gesichert gegen Konjunkturschwankungen, und Kredite werden mit niedrigen Zinsen verliehen. Doch die Ehe ist, meine Herrschaften, eine Investition in ein Aktienpaket mit einem hohen Risikoanteil und für ein Kredit haftet man mit dem eigenen Leben, oder zumindest einem Teil davon.
Man muss also Nägel mit Köpfen machen, wenn man sich auf eine Ausländerin einlässt. Nix, von wegen ein bisschen rumprobieren. Und vorher muss man noch gemeinsam durch alle Hindernisse durch, die einem Behörden in beiden Ländern in den Weg stellen, als wollten sie die schönen Absichten auf die allerallerletzte Probe stellen, hindurch.
Die Formalitäten, die ich erledigen musste, bevor ich bei der Trauung schwitzte, waren auch sehr merkwürdig. Kennen Sie den Begriff „Ehefähigkeitszeugnis“? Wer hat sich das ausgedacht?! Fähig zu ehelichen? Fähig, in einer Ehe zu leben? In Deutschland, wo jede zweite Ehe nach ein paar Jahren geschieden wird?! – Und nicht alle Paare gehen einvernehmlich auseinander! Aber wenn doch, dann können sie jetzt eine Scheidung sogar per Internet initiieren und schon im Vorfeld alles klären, Formulare downloaden, einen Anwalt aussuchen, ohne die Wohnung zu verlassen. Praktisch, zeitsparend und effizient – das sind die Schlüsselwörter unserer Zeit, die überzeugen.
Ich musste mir also meine Ehefähigkeit bescheinigen lassen – selbstverständlich in Polen! Im katholischen Polen! Dabei hatte ich nicht einmal einen auf die Ehe vorbereitenden Kurs beim Pfarrer absolviert. Ja, so etwas macht man in Polen. Die meisten heiratswilligen Paare bestehen diesen Kurs, aber es kann auch hart werden. Mancher Pfarrer fühlte sich, zumindest damals, zu einer Indoktrination verpflichtet und forderte Sachen, die für junge Menschen Ende des 20. Jahrhunderts gelinder ausdrückt als längst überholt vorkamen. Schlimmer noch, wenn sie falsche Fragen stellten. Empfängnisverhütung war zum Beispiel ein absolutes Tabuwort, pfui Teufel! Der Pfarrer hatte dazu immer eine Antwort parat, dass es dem einen oder anderen die Sprache verschlug. Aber wenn alles ausgestanden war, dürfte man mit der Bescheinung über die Teilnahme an diesem Kurs Heiratspapiere in der Pfarrei einreichen. Ansonsten war der Pfarrer beleidigt wegen der Nichtbeachtung seines Amtes und – vielleicht auch seiner Erfahrung. Worin auch immer. Wenn die in Polen gewusst hätten, dass ich mit meinem Noch-nicht-Ehemann bereits in der so genannten eheähnlichen Gemeinschaft lebte, hätten sie mich erst einmal mit einem Bann belegt. Nix in Weiß heiraten! Auch nicht in der Kirche. Nur auf dem Standesamt. Wie hört sich das denn an?!
Na ja, es waren doch nicht alle so streng – das Standesamt in Polen kümmerte es herzlich wenig, welchen Helmut ich heiraten wollte, und was ich bis dahin mit ihm gemacht hatte. Den hatte ich übrigens direkt dabei, damit sie sich überzeugen konnten, dass ich tatsächlich einen hatte, der bereit war, mich zu ehelichen. Meine Mutter hatte da nämlich Zweifel, ob er mit mir eine gute Wahl getroffen hatte. Nur gut, dass sie kein Deutsch und er kein Polnisch sprachen. Er saß also ganz brav neben mir auf dem Amt, lächelte freundlich, womit er schon meine Mutter und alle meine Bekannten für sich gewonnen hatte. Die Standesbeamtin lächelte zurück – wieder also eine, die seinem Charme erlegen war. Das Dokument wechselte gegen eine geringe Gebühr die Schreibtischseite. Wir konnten gehen.
Als endlich alle Dokumente vorlagen, penibel geprüft, durften wir uns beim Besuch im deutschen Standesamt einen Termin aussuchen. Wir sind beide Frostbeulen, also beschlossen wir Ende Juni zu heiraten. Da würde es bestimmt warm sein. Das war es auch – mussten es aber 36°C sein, lieber Gott?
Der Tag der Trauung war gekommen. Wir standen vor dem Standesamt, in der Hitze des Tages – ich schwitzte und wusste nicht, ist das die Angst oder die Sonne? Er lächelte unsicher und schwitzte und wusste vielleicht auch nicht, warum. Nur alle anderen freuten sich unverschämt offen, mich endlich unter der Haube zu wissen. Vor uns war ein asiatisches Paar getraut worden: Er in einem Anzug mit einer Fliege unterm Kinn, sie in ein rosarotes langes Kleid mit tausend Rüschen. Ich versuchte mir – aber nur ganz kurz, weil es je heiß war – vorzustellen, wie sie sich an diesem Tag in diesem Kleid fühlte. Und mir wurde schwindlig. Wenn sie jetzt in Ohnmacht fiele, dächten sowieso alle, das wäre wegen der Hitze da draußen und nicht wegen der Emotionen.
Dann waren wir an der Reihe und mir wurde schwindelig, als ich „Ja“ sagen sollte. Ich dachte, jemand anders sollte es sagen, ich aber wurde aus Versehen auf die Bühne geschubst. „Ja“ murmelte ich also leise, mit Tränen in den Augen, die ich der Freiheit hinterher vergoss, die mein Leben nun unwiederbringlich verlassen würde. Und welche mein Liebster als Zeichen der Rührung verstand angesichts des wichtigsten Moments in unserem Leben. Ich sah nun den mir anvertrauten Herrn Thiele an. Er umarmte mich wie ein Ritter und zog an sich, bis sich mein Kreuz mit einem leisen Knacken meldete, und dann küsste er mich, wie es sich in einem solchen Augenblick gehörte. Ich schniefte leise und legte ihm meine Arme elegant um den Hals. Alle klatschten begeistert. Dann kamen nur Formalitäten, hier eine Unterschrift, da die (Kron)Zeugen, Blumen, Sekt, Fotos, Umarmungen und feuchte Küsschen der Tanten – und wieder hatte uns die Hitze. Als wir das Standesamt verlassen hatte, ergriff sie uns mit ganzer Kraft – ein Schock, obwohl wir ganz leicht und ebenso unkonventionell gekleidet waren – er im Stil der 50er, mit einem Propeller am Hals, ich im Stil der 80er, dafür sehr luftig.

Mein Helmut und ich

Ich hatte also einen Deutschen geheiratet, um mit ihm zusammen zu leben. Ich war fest davon überzeugt, ich werde auch mit meinem Helmut glücklich. Er war ja im Prinzip sehr nett. Es mangelte ihm allerdings ein bisschen an guten Manieren, wie wir sie verstehen, aber er strengte sich an. Irgendwann kapierte er zum Beispiel, dass er mir in den Mantel helfen sollte. So gehörte sich das ja: so kannten es meine Oma, meine Mutter und auch ich. Doch im heutigen Deutschland würde einer von einer Kollegin oder Freundin getadelt werden, wenn er es versucht hätte. In diesem Lande hatten die Frauen die Emanzipation gnadenlos durchgeführt. Zumindest was Manieren angeht. Was sie wohl vergessen hatten, waren Anweisungen, die die Männer brauchen, um die Orientierung nicht zu verlieren. Und Männer, man weiß das ja, können in unserer Welt keinen Schritt ohne weibliche Hilfe tun. So wurden Jahrhunderte alte Regeln des Savoir vivre mit den Füßen getreten, zu meinem Leiden. Bei guter Führung und viel Geduld konnte man jedoch erstaunliche Erfolge bei der Rückführung in die alte Schule des guten Benehmens verbuchen. Das war auch mir gelungen. Am Anfang musste ich noch etwas nachhelfen, indem ich ihm einfach meinen Mantel in die Hand drückte und ihn süß anlächelte. Es funktionierte. Wir verstanden uns einfach ohne Worte.
Er zeigte ebenso ein Unverständnis, warum eine Dame beim Betreten eines Raumes manchmal vorgelassen werden sollte. Ich weiß, ich weiß, da kommt gleich einer und sagt: „Nein, nicht immer, weil wenn das ein Restaurant oder gar eine Kneipe ist, dann…“ – Meine Herren! Ich spreche hier von einer Dame und von einem Raum, nicht von einer Kneipe.
Also die Dame wird vorgelassen, wenn es sich um einen sicheren Ort handelt, zum Beispiel eine Wohnung. Und was machte mein Liebster? Er machte die Tür auf und ging als erster hinein und drehte sich nicht einmal um, während die Tür mit einem leisen Klacken zuging. Manchmal hielt ich sie noch vorher fest und überlegte, wie ich ihm schmerzfrei diese Regel beibringen sollte.
Es gibt da zwei Methoden. Man kann vor der Tür stehen bleiben und warten, bis die Tür hinter ihm zugeht und er bemerkt, dass wir ihm nicht folgten. Es dauert etwas, bis er die Lage erkannt hat, aber es lohnt sich. Er platzt dann aus der Tür hinaus: „Wo bist du denn? Ist was passiert, Schatz?“ – Bitte, beantworten Sie diese Frage nie! Lächelnd betreten Sie nun als erste den Raum, bleiben dann stehen und warten, bis er sich um den Rest kümmert. Jedes Wort Ihrerseits wäre zu viel.
Die andere Methode kann nur angewandt werden, wenn Sie dunkel gekleidet sind und eventuelle Qualitätsverluste an ihrer Kleidung für Sie nicht von Bedeutung sind. Während also der Mann die Tür öffnet, um als erster den Raum zu betreten, quetschen Sie sich blitzschnell gleichzeitig mit ihm hinein. Es kann lustig sein, vor allem, wenn die Tür nicht sehr breit ist und sie dann tatsächlich mit ihm im Türrahmen stecken bleiben. Es ist ein unvergessliches Erlebnis. Es funktionierte bei mir sehr gut und es tat unserer Beziehung keinen Abbruch.
Ich höre bereits wie jetzt viele emanzipierte deutsche Frauen protestieren von wegen: So lange haben wir um die Gleichberechtigung gekämpft und jetzt gebe ich sie wieder ab?! Ich bin doch nicht krank, ich kann mir den Mantel selber anziehen und mir die Tür selber öffnen. Ja, das stimmt. Auf der anderen Seite gibt es in Deutschland trotz der Emanzipation genügend Dinge für – wie es heißt – Frauen und Behinderte. Das haben Sie, meine Damen, nicht verhindert. Also – wenn behindert, dann mit Stil!
In diesem Still sollen wir uns also wundern, warum unser Geliebter gleichzeitig mit uns in dieser verdammten Tür stecken geblieben war, und ihn staunend ansehen. Wir haben letztendlich keinen Idioten geheiratet. Dieser wird dann den Rückzug antreten und lässt uns vor, was wir erhobenen Hauptes tun. Den angerissenen Ärmel ignorieren wir geflissentlich. Wir können ja nähen oder kennen jemand, der es gut kann, also können wir den Schaden beheben, und den lächerlichen Preis, den wir dafür zahlen, ist die Sache wirklich wert.
Wir Polinnen sind gesund emanzipiert, aber warum sollen wir auf die schönen kleinen Aufmerksamkeiten im Alltag verzichten?! Wir bleiben Frauen, die wir nun mal sind, und die Männer werden dadurch nicht entmannt. Man muss das ihnen lediglich zeigen, ihnen zu verstehen geben, dass das Leben so schön sein kann. Es soll ja kein Geschlechter-Kampf sein, sondern ein Geschlechter-Tanz. Also wenn Sie ganz zufällig einen Mann mit guten Manieren erwischt haben sollten, lassen Sie ihn einfach ein Mann sein. Und vor allem lassen Sie ihn nicht gehen. Er ist etwas Kostbares.

Mein Mann und meine Deutsch
Mein Mann kannte bis dato keine Polen, die Begegnung mit mir war also für ihn eine Art Initiation. Wie packt man aber eine Polin – verbal versteht sich – an? Bisher hatte er immer nur von polnischen Putzfrauen oder von aufgetakelten Damen des horizontalen Gewerbes (polnische Pflegekräfte waren damals noch keine Institution) gehört. Und jetzt kam da eine zum Studium nach Deutschland, zog ins Studentenwohnheim und machte es sich bequem.
Neugierde ist eine gute Voraussetzung für die ersten Gespräche. Für mich war das eine willkommene Gelegenheit, mein Deutsch zu verbessern. Mein Zukünftiger meisterte unsere ersten Gespräche hervorragend. Vor allem, als ich noch einiges falsch betonte. Oder aber, bedingt durch meinen relativ bescheidenen Wortschatz, die einfachsten Dinge des Alltags nicht beim Namen nennen konnte. Über die Literatur hätte ich stundenlang reden können, aber nicht über das Leben. Wer kennt das nicht aus seinem Studium?! Unvergesslich blieb also, wie er mich auf die falsche Fährte lockte, wenn er sah, dass ich gerade nach einem Wort suchte. So erfuhr ich, dass der untere Teil des Beines Kante heißen sollte. Irgendetwas in mir weigerte sich, diese Möglichkeit zu akzeptieren, aber ich wusste in diesem Moment nicht, was mir sonst zu Verfügung stand, und nahm dieses Wort an. Obwohl ich gleichzeitig beschloss, Sätze mit diesem Wort zu meiden. Jetzt weiß ich es natürlich besser. Wir lachten immer wieder darüber. Ich nahm ihm das nicht übel. Leider waren diese Zeiten schnell vorbei, es stellte sich nämlich heraus, dass sich mein Wortschatz im rasanten Tempo erweitert hatte, dafür blieb mein Mann hin und wieder in manchen Bereichen auf der Strecke. Ist ja bei Frau-Mann-Kombination häufig der Fall, weil wir Frauen ja viel redegewandter, geschweige denn, redelustiger sind, was unter Umständen zum Ausbau des Wortschatzes als Nebeneffekt führen kann. Leider war meine Begeisterung für neue Wörter und die Ausdauer bei der Suche nach neuen, unbekannten Ausdrucksmöglichkeiten so groß, dass sich bei meinem Mann eine gewisse Unruhe, später Ungeduld gepaart mit sogar einer gewissen Gehässigkeit einstellte. Außerdem ist Deutsch so wunderbar, man kann immer wieder Wörter zusammenfügen und damit neue Wörter schaffen. Also dachte ich mir Wörter aus, wenn es sie bis dahin nicht gab. Mein Mann war nicht immer mit meinen Wortschöpfungen einverstanden.
Ich muss ihm aber gerecht werden: Obwohl kein Sprachgenie, bemühte sich mein Mann redlich, die Aussprache polnischer Wörter bis zur Selbstkasteiung zu üben. Jeder, der es einmal versucht hat, weiß, welche Qualen ich hier beschreibe. Und doch, er tat es für mich. Fast nichts verstehend, vermochte er manche Ausdrücke so perfekt auszusprechen, dass ihm polnische Gäste auf Partys den Kopf voll redeten in der Annahme, sie hätten mit ihrem Landsmann gesprochen. Mit einem absolut schwierigen Ausdruck „Ślicznie! (Wunderbar!) gewann er einmal sogar einen kleinen Sprachwettbewerb. Ich war sehr stolz auf ihn.
Leider reichte seine Begeisterung nicht bis zur Beherrschung der polnischen Sprache aus. Ich musste es einfach akzeptieren, außerdem erreichte ich in der deutschen Sprache ein ausreichendes Niveau, um mich nicht auf den Arm nehmen zu lassen, und auf keinen Fall von meinem Liebsten. Es kamen Zeiten einer großen Unruhe, weil meine Fragen zur korrekten Anwendung der deutschen Sprache seine Kompetenzen weit überschritten. Darüber hinaus und zu meinem größten Bedauern hatte ich den Fehler begangen – und ich sage das voller bewusster Demut – hörte ich auf, ihm als Autorität in Sachen Deutsch zu vertrauen. O weh! Schlimmer noch, mein Anvertrauter erwischte mich beim Blättern im Duden, Band 1, als ich nach Bestätigung seiner Antwort suchte. Unser Zusammensein litt seitdem etwas darunter. Und ich hatte nicht zu meiner Verteidigung zu sagen. Weder in Deutsch noch in Polnisch.

Renata A. Thiele, geb. Ćwirko-Godycka