Cadillac King – Polish abroad? DE

„Hallo Amerika, here I am! Hier bin ich!“, wollte ich gerade ausrufen, aber auf dem Flugplatz von L.A. um drei Uhr nachmittags bei uns gerade 7.00 Uhr also quasi Mitternacht!) gelandet, stand ich wie beschwipst da: durch die plötzliche Hitze, durch die Zeitverschiebung und durch die Dimensionen: Breiten, Weiten, Höhen, auf die ich überhaupt nicht vorbereitet war.
Eines unserer ersten Ziele in den Staaten war Cadillac King. Yeah! Ein Laden irgendwo in L.A., wo Mark frisch hergestellte Teile für seinen Cadillac Eldorado Seville, Baujahr 1958, kaufen konnte. Da er diesen ein Jahr zuvor gekauft hatte, dachte er jetzt, nun könnte er noch ein paar Teile dazukaufen – man wisse ja nie... und in Deutschland kosten sie direkt ein kleines Vermögen – als ob der Caddy es nicht gekostet hätte...
An einem Vormittag fuhren wir zu diesem gefühlte 100 km entfernten Cadillac King, dessen Besitzer sehr gut Deutsch sprechen konnte, da er eigentlich vor einigen Jahren aus Österreich nach Amerika ausgewandert war. Das wusste Mark bereits, da er vor einem Jahr diesen King auf seiner Ich-kaufe-mir-einen-Cadiallac-Amerika-Reise kennengelernt hatte.
Die Perspektive, die nächsten drei Stunden auf einer Bank im Laden zu verbringen, während mein Freund Kataloge durchwühlte, war nicht besonders einladend, aber was frau nicht alles macht für ihren Liebsten. So saß ich die ersten vierzig Minuten ganz ruhig in der Ecke und stöberte in alten Zeitungen, ohne den Inhalten wirklich Aufmerksamkeit zu schenken, bis ein irgendwie vertraut aussehender junger Mann den Laden betrat, mich kurz anschaute und auf den King-Besitzer zukam. Eindeutig, sie kannten sich. Obwohl ich kein Wort von ihrem Gespräch hören konnte, sagte mir mein Instinkt, dass ich mich ihnen anschließen könnte oder gar sollte. Und bitte schön, die Herren unterhielten sich in Polnisch, in modernem akzentfreiem Polnisch, und nicht das Polnische der zweiten oder dritten Emigrantengeneration.
„Aha, ich sitze also ganz alleine da und langweile mich, während mein Freund hier Ihre Kataloge studiert, und keiner fragt nach meinem Wohlbefinden. Ich werde nicht einmal angesprochen – schöne Sitten! Alles vergessen, was man in Polen gelernt hat, was?“, sprach ich die beiden auf Polnisch an. Jetzt standen die Männer mit offenem Mund da, mein Freund – irritiert durch die auf einmal eingetretene Stille – schaute mich und die beiden an ... und wir mussten beide wieder feststellen: Egal wo wir sind, ist er immer in der Minderheit – quasi Ausländer. Plötzlich lachten wir alle herzlich auf – die Überraschung war perfekt. Dann kam ein Wort zum anderen und der Ladenbesitzer erzählte uns seine Lebensgeschichte – abwechselnd in Polnisch und Deutsch:
Nachdem er seine polnische Heimat Richtung Schweden verlassen hatte, vergingen etwa zwanzig Jahre. Lange suchte er seinen Platz unter der Sonne und im Leben. Und eine Frau. Denn es dürfte keine Polin sein, sondern eine exotische Frau. Egal aus welchem Land.
„Es war schon schön in Schweden“, seine Augen verrieten nicht, woran er sich gerade erinnerte, aber es musste schön gewesen sein. Doch Frauen schienen ihm dort nicht zuzusagen. Seine Wege führten ihn also weiter, über Deutschland nach Österreich. Hier lernte er seine Ehefrau kennen und heiratete sie nach kurzer Zeit. Sie war eine nette und schöne Frau, aber sie sprach ja Österreichisch! Wer würde das aushalten?! Bis auf österreichische Männer selbstverständlich! Nun das Österreichische war wirklich das Einzige, was ihm an ihr nicht gefiel, und da er kam auf eine blendende Idee: „Lass uns nach Amerika ziehen!“ Dabei spekulierte er selbstverständlich darauf, dass sie dort nur Englisch sprechen würden.
Also verließen er und seine Frau den alten Kontinent, um in Amerika das Glück zu suchen. Seit dem versuchte er hier die Wurzeln zu schlagen. Er hatte viele Freunde – aber merkwürdigerweise kamen sie alle aus Polen beziehungsweise Europa. „Die Amis sind ja so oberflächlich“, sagte er. Sie wären zwar sehr freundlich und stets bereit, mit einem ein kurzes Schwätzchen zu halten. Sie würden auch einem beim Umzug helfen und so. Man käme aber nicht weiter. In die Kreise der Alteingesessenen käme man nicht so leicht. Es sei denn, man erfand etwas wie einen Computer oder machte einen Superfilm! Unser Witek war leider keines von diesen Genies, die wie König Midas alles ins Gold verwandeln konnten, was sie auch anpackten. Sein Cadillac King war zur Zeit das Höchste der Gefühle bzw. seiner unternehmerischen Leistung und sein Job hatte nichts mit Kunst zu tun – höchstens mit der Überlebenskunst. Zwischendurch traf er also seine Freunde und ... sie träumten gemeinsam von der Zeit, als sie noch in Europa, in Polen gelebt hatten.
„Tam przyjaciół kilku mam, od lat – dla nich zawsze śpiewam, dla nich gram...”, „Dort habe ich ein paar Freunde, für die sing’ ich seit Jahren, für die spiel’ ich...“. Seine Gitarre klang traurig wie seine Stimme. Das Lied war eigentlich ganz schön und hatte nichts mit dem Heimweh zu tun, höchstens mit der Trauer nach den guten alten Zeiten, als man noch jung war und dem Leben unbeschwerlich, gar frech ins Gesicht schaute.
Olek dagegen, ein schmächtiger Mann aus Südpolen, fand in Amerika alles super. Er hatte noch keinen festen Job und arbeitete aushilfsweise – ich wollte gar nicht wissen, wo und ob legal. Aber gerade er versuchte mich zu überreden, in Amerika zu bleiben. Das wäre ja ein so tolles Land!
„Du kannst hier alles machen, was du willst. Und wir helfen dir dabei!“. Er war sehr hilfsbereit, wie viele, die meistens nicht helfen konnten. Man fühlte sich aber direkt besser, wenn man einem Hilfe anbieten konnte. Auch wenn es nur eine pure Deklaration des guten Willens war.
Olek lebte seit fünf Jahren in Amerika und sprach immer noch kein Englisch. Wozu auch?! Man käme hier auch mit Polnisch klar. „Nur wie weit?“, fragte ich mich.
„Schau mal“, erklärte er mir. „Du brauchst nur ein paar Sätze auf Englisch für den Job, und zu Hause sprichst du sowieso Polnisch. Wir kennen uns hier alle.“ Das dachte ich mir schon. Die schmerzende Kurzsichtigkeit Oleks weckte eine Art Unbehagen in mir.
Euphorisch und spontan, wie er war, lud Olek uns, meinen deutschen Freund – no problems! – und mich, zu einer Party bei Witek ein. Witek lächelte nur, stimmte aber zu und beteuerte, dass es ihm Freude bereiten würde, uns zu Gast zu haben. Und auch seine Frau würde endlich wieder deutsch sprechen können.
Witeks Haus „hörten“ wir schon auf einige Entfernung. „Bitte entschuldigt, Olek macht heute Musik“, sagte er zur Begrüßung und gleichzeitig Entschuldigung und schubste uns leicht ins Haus, um die Haustür schnell wieder zu schließen. Wegen der Nachbar. Die waren zwar einigermaßen tolerant, aber es waren Amis, und hier durfte einer auch schießen, wenn ihm etwas nicht gefiel oder er sich bedroht fühlte.
Das Barbecue verbreitete einen Duft, der meine Magensäfte gluckern ließ. Ich wusste nicht, ob ich zuerst mit der Gastgeberin ein Begrüßungs-Smalltalk abhalten oder mich direkt über das Gegrillte hermachen sollte. Doch wir waren hier nicht im ganz Wilden Westen. Ich ließ meinen Magen weiter gurgeln und hörte Irma zu. Sie merkte davon gar nichts, so sehr freute sie sich, dass sie mit uns deutsch sprechen konnte. Seit fast drei Jahren hatte sie kein deutsches Wort mehr gehört. Ihre Eltern waren schon lange tot und da sie keine Geschwister hatte, gab es nichts, was sie mit Österreich familiär verbinden würde. Doch sie vermisste Europa sehr.
Sie brach abrupt ab – zu plötzlich für meinen Geschmack, aber ich war ihr dafür dankbar, denn sie zeigte dabei mit einladender Geste auf den Tisch, auf dem ein Berg fertiger, knuspriger Steaks und Würstchen zu kippen drohte. Ich leistete gerne Abhilfe und griff nach einem großen Teller. Die Identitätsprobleme verloren an Wichtigkeit, der Heimweh geriet in den Hintergrund – zumindest in diesem Moment.
Nach und nach kamen auch andere Gäste: zwanzig Personen, darunter ein verirrtes amerikanisches Ehepaar. „Ausländer?!“, Mark und ich grinsten uns wieder an. Ein bisschen schon. Offensichtlich fühlten sie sich in dieser Gruppe sehr wohl. Sie waren die ersten und einzigen amerikanischen Freunde von Witek, und er war sehr glücklich, dass er welche hatte. Vorzeige-Freunde sozusagen. Sie waren wirklich nett und schienen seine Partys zu mögen. Ja, Witeks Freundeskreis feierte gerne und gut. Manchmal sogar zu gut. Vor allem, wenn einer über den Durst trank. Wie heute wieder, der dicke, alte Kerl, Bogdan. Er fing an, laut zu singen, irgendwas Polnisch-Patriotisches. Olek versuchte ihn zu beruhigen:
„Komm Bogdan, hier sind Leute aus verschiedenen Ländern. Lass jetzt den patriotischen Kram.“
Aber es war zu spät. Bogdan war bereits betrunken. Er pöbelte Olek heftig an: „Alles Nazis, verstehste! Naaazis!“ gröllte er.
Die Situation geriet außer Kontrolle. Witek tat uns leid, wie er versuchte Bogdan zu beruhigen und ihm zu erklären, dass Mark ein guter Deutscher ist und mit dem Krieg nichts zu tun hatte. Er entschuldigte sich bei uns, und ich merkte, dass es ihm zunehmend schwer fiel, sich für Exzesse seiner Freunde zu entschuldigen, ihnen diese aber auch selbst zu verzeihen. Er hatte Angst, dass sie ihn daran hinderten, als echter Amerikaner akzeptiert zu werden.
Hier wollte er endlich angekommen sein – in seinem Leben. Und solche Vorfälle warfen ihn zurück in die Zeit, als er die ersten Schritte im amerikanischen Gesellschaftsleben gemacht hatte.
Bogdan lebte seit fast dreißig Jahren in den Staaten, trauerte immer noch Polen nach, wollte aber nicht mehr zurück. Er sagte, er wolle Polen in der Erinnerung so behalten, wie er es zum letzten Mal gesehen hatte – bevor er aus Polen geflohen war, kurz vor dem Kriegszustand 1981.
„Polen. Das Land meiner Kindheit, meine Heimat“, winselte er zusammenhanglos. Dann schlug plötzlich seine Stimmung um, und er brüllte alle an, sie wären schuld an allem, auch am Kommunismus in Polen. „Verrat!“, röchelte er noch – und sank plötzlich in einen unruhigen Schlaf.
Betty und Harry schien das Ganze nicht zu beeindrucken – sie kannten ja Bogdan. Und sie verziehen ihm, wenn er seinen Down hatte und frustriert die Welt auseinander nehmen wollte. So viel Toleranz würde ich auch gerne für jemand aufbringen, der sich so benahm wie Bogdan. Mir war das alles hier peinlich – die Party mit Geschichtseinlagen für Ausländer.
Mark und ich verließen die Party gegen Mitternacht, er lächelte in sich hinein und schwieg, und mir war nicht gar so fröhlich zumute: „Wir sind nicht alle so wie die hier!“ Dachte er vielleicht doch so? Fühlte er sich besser, weil er auf dieser Party Ausländer war? Ich wollte nicht, dass er so dachte.
Witek beschäftigte mich doch noch einige Zeit auf der Reise durch Amerika. Ich hatte den Eindruck, dass seine Wurzeln verkrüppelten, ohne feste Nahrung des Bodens, auf dem er sich für eine längere Zeit niederlassen hatte. Überall war er nur kurz und schaffte es nicht, sich heimisch zu fühlen. Moderner Vagabund wider Willen? Es machte mich traurig – um ihn und um andere, die es eigentlich gar nicht wollten, und trotzdem auf der Suche nach ihrem festen Platz nirgendwo richtig angekommen sind und vielleicht nie ankommen werden. Olek und Bogdan scheinen das eher instinktiv zu spüren als zu begreifen, und vielleicht das machte sie entweder zu leichtsinnigen Partyclowns oder zu Trinkern, um im Rausch eigene Unzulänglichkeiten zu verdrängen.
Ich hatte so viel vom Land und Menschen in Amerika auf dieser Reise gesehen und fragte mich nun, wie man es angehen sollte, um hier nicht nur zu überleben, sondern sich auch wirklich heimisch zu fühlen. Und vielleicht war eben Witek die Antwort darauf. Auch wenn er mich dafür mit Sicherheit ausgelacht hätte – für mich war gerade er auf dem besten Weg dorthin.

Renata A. Thiele